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Der brief an den elefanten von Romain Gary

Unser erster Fokus ist einem wahren « Coup de Cœur » gewidmet. Der « Brief an den Elefanten » (Lettre à l’éléphant) von Romain Gary, der im März 1968 im Figaro Literaturmagazin veröffentlicht wurde, spricht uns aus dem Herzen. Mit diesem Brief fordert R.G. uns auf, unsere Kinderseele auferleben zu lassen und uns zu fragen, welche Rolle wir in unseren hypermaterialistischen Gesellschaften spielen … Gesellschaften, die alles zunichte machen, die Fauna, die Flora … und unseren eigenen Humanismus.
Das ist Literatur, zwischen Emotion und Klarsichtigkeit. Überzeugen Sie sich selbst, lesen Sie diesen fabelhaften Brief!

Mein lieber Herr Elefant!

Sie werden sich beim Lesen dieses Briefes sicher fragen, was ein Mitglied der zoologischen Gattung, das so tief besorgt um die Zukunft der eigenen Gattung ist, dazu veranlasst hat, ihn zu schreiben. Der Selbsterhaltungstrieb ist ganz sicher das Kernmotiv. Seit sehr langer Zeit habe ich schon das Gefühl, dass unsere Schicksale miteinander verknüpft sind. In diesen gefährlichen Tagen ‚des Gleichgewichts des Schreckens‘, von Massakern und gelehrten Kalkulationen über die Anzahl der menschlichen Wesen, die einen nuklearen Holocaust überleben werden, ist es doch nur zu natürlich, dass sich meine Gedanken Ihnen zuwenden.

In meinen Augen, lieber Herr Elefant, stellen Sie in Vollkommenheit dar, was heute von Auslö-schung bedroht ist: im Namen des Fortschritts, der Effektivität, des integralen Materialismus, einer Ideologie oder sogar der Vernunft, denn ein bestimmter abstrakter, unmenschlicher Gebrauch der Vernunft wird immer mehr zu einem Komplizen unserer mörderischen Narretei. Heute scheint es gewiss, dass wir uns anderen Gattungen und besonders der Ihren gegenüber so verhalten haben, wie wir im Begriff sind, es mit uns selbst zu tun.

Es war in einem Kinderzimmer vor annähernd einem halben Jahrhundert, dass wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Jahrelang haben wir das gleiche Bett geteilt, und ich schlief nie ein, ohne Ihren Rüssel zu küssen, ohne Sie dann fest zu umarmen, bis meine Mutter Sie mir wegnahm unter dem nicht sehr logischen Vorwand, ich sei inzwischen ein zu großer Junge, um noch mit einem Elefanten zu spielen.

Es wird sicher Psychologen geben, die behaupten werden, dass meine „Fixierung“ auf die Elefanten auf diese einschneidende Trennung zurückgeht und dass mein Wunsch, Ihre Gesellschaft zu teilen, tatsächlich eine Form von Heimweh nach meiner Kindheit und meiner verlorenen Unschuld ist. Es ist auch sehr wahr, dass Sie in meinen Augen ein Symbol der Reinheit und eines naiven Traums darstellen, eines Symbols für eine Welt, in der der Mensch und das Tier friedlich miteinander leben würden.

Jahre später trafen wir uns irgendwo im Sudan wieder. Ich kam von einem Bombardierungsauftrag über Äthiopien zurück und brachte mein Flugzeug in erbarmenswertem Zustand südlich von Karthum am südlichen Nilufer auf die Erde zurück. Ich marschierte drei Tage lang, bevor ich Wasser fand und trank, was mir einen Typhus einbrachte, an dem ich fast gestorben wäre. Ich nahm Sie durch ein dürres Gestrüpp wahr und hielt mich zunächst für das Opfer einer Halluzination. Denn Sie waren rot, von einem dunklen Rot, vom Rüssel bis zum Schwanz. Und der Anblick eines roten Elefanten, der auf seinem Hinterteil sitzend schnarchte, ließ meine Haare zu Berge stehen. Ja, wirklich, Sie schnarchten. Seitdem weiß ich, dass dieses tiefe Schnarchen bei Ihnen und Ihres-gleichen ein Zeichen von Zufriedenheit ist, was mich vermuten lässt, dass die von Ihnen verzehrte Baumrinde besonders köstlich war.

Ich brauchte einige Zeit, um zu verstehen, warum Sie rot waren. Sie hatten sich nämlich im Schlamm gewälzt, das hieß, dass es in der Nähe Wasser geben musste. Ich ging vorsichtig weiter. Da bemerkten Sie, dass ich da war. Sie haben die Ohren aufgestellt, so dass Ihr Kopf um das Dreifache größer schien, während Ihr einem Berg ähnlicher Körper hinter diesem plötzlich gehissten Segelwerk verschwand. Zwischen Ihnen und mir gab es kaum 20 Meter Distanz, und ich konnte nicht nur Ihre Augen sehen, sondern reagierte sehr empfindlich auf Ihren Blick, der mich, wenn ich so sagen kann, wie ein Faustschlag im Magen traf. Es war zu spät, um zu fliehen. Und in dem Zustand der Erschöpfung, in dem ich mich befand, gewannen Fieber und Durst die Oberhand über meine Angst. Ich verzichtete auf den Kampf. Das widerfuhr mir einige Male im Krieg: Ich schloss die Augen und wartete auf den Tod, was mir jedes Mal eine Auszeichnung und den Ruf, mutig zu sein, einbrachte.

Als ich die Augen wieder öffnete, schliefen Sie. Ich stelle mir vor, dass Sie mich nicht gesehen haben oder, schlimmer noch, Sie würdigten mich eines einzigen Blicks, bevor Sie der Schlaf wieder überfiel. Wie immer es gewesen sein mochte: Sie waren da; mit weichem Rüssel, herabgelassenen Ohren, niedergeschlagenen Lidern, und ich erinnere mich daran, dass meine Augen voller Tränen waren. Ich spürte den unwiderstehlichen Wunsch, Ihnen näher zu kommen, mich an Ihren Rüssel und Ihre ledrige Haut zu drücken und in diesem Schutz friedlich einzuschlafen. Einer der selt-samsten Eindrücke überlief mich. Es war meine Mutter, ich weiß es, die Sie geschickt hatte. Sie hatte sich schließlich erweichen lassen, und Sie wurden mir zurückgegeben.

Ich ging einen Schritt auf Sie zu, dann noch einen… Für einen so erschöpften Menschen, wie ich es in diesem Augenblick war, ging von Ihrer enormen Masse, die wie ein Felsen war, etwas eigenartig Beruhigendes aus. Ich war überzeugt davon, dass, wenn es mir gelänge, Sie zu berühren, sie zu streicheln, mich an Sie anzulehnen, sich etwas von Ihrer Lebenskraft auf mich übertragen würde. Das war eine dieser Stunden, in denen der Mensch so viel Energie braucht, so viel Kraft, dass er sogar Gott anruft. Mir ist es nie gelungen, meinen Kopf so hoch zu heben, ich habe nie höher als zu den Elefanten aufgeschaut.

Ich war Ihnen schon ganz nahe, als ich einen falschen Schritt machte und stürzte. Da erzitterte die Erde unter mir, und der fürchterlichste Lärm, wie ihn tausend zusammen schreiende Esel hervor-brächten, ließ mein Herz zu einem gefangenen Grashüpfer werden. Ich heulte tatsächlich auch, und in meinem Geschrei lag die fürchterliche Kraft eines zweimonatigen Babys. Sogleich sollte ich, ohne dass ich vor Schreck zu japsen aufhörte, alle Rekorde aufgescheuchter Hasen schlagen. Es schien tatsächlich ein Teil Ihrer Macht auf mich übergegangen zu sein, denn nie ist ein halbtoter Mensch schneller ins Leben zurückgekehrt, um so schnell Reißaus zu nehmen. Wir flüchteten beide, aber in entgegengesetzter Richtung.

Wir entfernten uns voneinander, Sie trompetend, ich japsend, und weil ich meine ganze Kraft brauchte, konnte es nicht darum gehen, dass ich all meine Muskeln unter Kontrolle zu halten ver-suchte. Schwamm drüber, wenn Sie es wollen. Und im Übrigen hat eine solche Heldentat zuweilen solche physiologischen Auswirkungen. Alles in allem, war es mir nicht gelungen, einem Elefanten Angst einzujagen?

Wir sind uns nie mehr begegnet, und dennoch taucht das Echo Ihres unwiderstehlichen, trampeln-den Marsches durch die weiten Räume Afrikas immer wieder in unserem frustrierten, eingeengten, kontrollierten, zu Buch genommenen und komprimierten Dasein auf und weckt in mir ein ver-wirrendes Bedürfnis. Es klingt triumphierend wie das Ende der Unterwerfung und der Knechtschaft, wie das Echo dieser unbegrenzten Freiheit, die unsere Seele heimsucht, seit sie zum ersten Mal unterdrückt wurde.

Ich hoffe, dass Sie darin keinen mangelnden Respekt erkennen, wenn ich Ihnen gestehe, dass Ihre Größe, Ihre Kraft und Ihr brennendes Streben nach einem fessellosen Dasein Sie ganz sicher als völlig anachronistisch erscheinen lassen. Deshalb betrachtet man Sie auch als unvereinbar mit der gegenwärtigen Epoche. Aber auf alle die unter uns, die von unseren verschmutzten Städten und von unseren noch verschmutzteren Gedanken angeekelt sind, wirken Ihre überwältigende Gegenwart, Ihr Überleben gegen Wind und Wogen wie eine beruhigende Botschaft. Alles ist noch nicht verlo-ren, die letzte Hoffnung auf Freiheit hat sich noch nicht völlig von dieser Erde verflüchtigt, und wer weiß, vielleicht wird es uns gelingen, uns vor unseren eigenen Vernichtungsunternehmen zu schüt-zen, wenn wir aufhören, die Elefanten zu zerstören und sie vor dem Verschwinden zu bewahren. Wenn der Mensch sich fähig zum Respekt gegenüber dem Leben in seiner ungeheuersten und sperrigsten Form zeigt – halten Sie ein, halten Sie ein, schütteln Sie nicht so Ihre Ohren und heben Sie nicht so voller Zorn Ihren Rüssel, ich hatte nicht die Absicht, Sie zu kränken –, dann bleibt vielleicht eine Chance, dass China nicht die Ankündigung der auf uns wartenden Zukunft ist, son-dern dass es dem Individuum, diesem prähistorischen sperrigen und ungeschickten Monster, auf die eine oder andere Weise zu überleben gelingt.

Vor Jahren traf ich einen Franzosen, der sich mit Leib und Seele der Rettung des afrikanischen Elefanten verschrieben hatte. Irgendwo auf dem grünenden, unruhigen Meer, das einst den Namen des Tschadgebietes trug, unter Sternen, die immer strahlender zu leuchten scheinen, wenn es der Stimme eines Mannes gelingt, lauter zu werden als seine Einsamkeit, sagte er zu mir: ‚Die Hunde genügen nicht mehr. Die Leute haben sich nie verlorener, einsamer gefühlt als heute, sie brauchen Gesellschaft, eine stärkere Freundschaft, sicherer als alles, was wir bisher kennengelernt haben. Etwas, das wirklich standhält. Hunde genügen nicht mehr. Was wir brauchen, sind Elefanten.‘ Und wer weiß, ob wir vielleicht nicht eine unendlich wichtigere, noch mächtigere Gefährtenschaft wer-den suchen müssen…

Ich errate fast ein ironisches Leuchten in Ihren Augen bei der Lektüre dieses Briefes. Und wahrscheinlich stellen Sie Ihre Ohren auf aus tiefem Misstrauen allem Raunen gegenüber, das vom Menschen zu Ihnen dringt. Hat man Ihnen jemals gesagt, dass Ihr Ohr fast die gleiche Form hat wie der afrikanische Kontinent? Ihre einem Fels ähnliche graue Masse besitzt Farbe und Aussehen der Erde, unserer Mutter. Ihre Wimpern haben etwas Unbekanntes, das an die eines Mädchens denken lässt, während Ihr Hinterteil dem eines monströsen Welpen gleicht.

Im Verlauf Tausender Jahre sind Sie wegen Ihres Fleisches und Ihres Elfenbeins gejagt worden, aber es ist der zivilisierte Mensch, der auf die Idee kam, Sie zum Vergnügen zu töten und aus Ihnen eine Trophäe zu machen. Alles, was es in uns an Schrecken, Frustration, Schwäche und Ungewiss-heit gibt, scheint eine neurotische Stärkung darin zu finden, das mächtigste aller irdischen Wesen zu töten. Dieser willkürliche Akt verschafft uns jene ‚männliche‘ Sicherheit, die ein eigenartiges Licht auf die Natur unserer Männlichkeit wirft.

Natürlich gibt es Menschen, die behaupten, dass Sie zu nichts nütze seien, dass Sie die Ernten in einem Land ruinieren, wo der Hunger wütet, dass die Menschheit schon genug Überlebensprobleme hat, um die sie sich kümmern muss, als dass sie sich noch die Elefanten aufladen möchte. Sie gehen tatsächlich davon aus, dass Sie einen Luxus darstellen, den wir uns nicht mehr erlauben können.

Das ist genau die Art von Argumenten, die die totalitären Regime benutzen, von Stalin über Hitler bis Mao, um zu beweisen, dass eine wirklich rationelle Gesellschaft sich den Luxus der indivi-duellen Freiheit nicht erlauben kann.

Auch die Menschenrechte sind eine Art Elefanten.

Das Recht, eine abweichende Meinung zu vertreten, frei zu denken, das Recht, der Macht zu widerstehen und sie in Frage zu stellen, das sind Werte, die man leicht abwürgen und im Namen des Ertrags, der Effektivität, der ‚übergeordneten Interessen‘ und des integralen Rationalismus unter-drücken kann.

In einem Konzentrationslager in Deutschland haben Sie im Lauf des letzten Weltkrieges, mein lieber Herr Elefant, die Rolle eines Retters gespielt.

Abgeriegelt hinter Stacheldraht dachten meine Freunde an die Elefantenherden, die mit Donnerge-räusch die weiten Ebenen Afrikas durchstreiften, und das Bild dieser lebendigen und unwidersteh-lichen Freiheit half diesen Gefangenen zu überleben.

Wenn sich die Welt den Luxus dieser natürlichen Schönheit nicht mehr leisten kann, dann verfällt sie bald ihrer eigenen Hässlichkeit, die ihn zerstören wird. Ich für meinen Teil fühle zutiefst, dass das Schicksal des Menschen, seiner Würde jedes Mal auf dem Spiel stehen, wenn unsere natürli-chen Schönheiten, Ozeane, Wälder oder Elefanten von Zerstörung bedroht sind.

Menschlich zu bleiben scheint manchmal eine fast niederdrückende Aufgabe zu sein; und dennoch müssen wir auf unserem ermüdenden Marsch ins Unbekannte ein weiteres Gewicht schultern: das der Elefanten. Es besteht kein Zweifel, dass Sie im Namen eines absoluten Rationalismus zerstört werden müssen, damit wir den ganzen übervölkerten Planeten in Beschlag nehmen können. Es besteht auch kein Zweifel, dass Ihr Verschwinden den Beginn einer nur für den Menschen geschaf-fenen Erde bedeuten wird. Aber lassen Sie mich Ihnen sagen, mein alter Freund, in einer nur für den Menschen geschaffenen Welt ist es möglich, dass es auch für den Menschen keinen Platz mehr geben wird.

Alles, was von uns bleiben wird, werden Roboter sein.

Es wird uns nie gelingen, uns zu unserem ganz eigenen Werk zu machen. Wir sind für immer dazu verurteilt, von einem Geheimnis abzuhängen, das weder die Logik noch die Vorstellungskraft durchdringen können, und Ihre Gegenwart unter uns ruft eine schöpferische Macht wach, von der man sich mit Hilfe wissenschaftlicher oder rationaler Begriffe kein richtiges Bild machen kann, sondern nur mit Begriffen, in denen Sinn, Hoffnung und Sehnsucht enthalten sind. Sie, Herr Elefant, sind unsere letzte Unschuld.

Ich weiß zu gut, dass ich, wenn ich Ihre Partei ergreife – aber ist es nicht ganz einfach meine? –, unfehlbar als Konservativer qualifiziert werde, sogar als Reaktionär, als ‚Monster‘, das in eine andere prähistorische Epoche gehört: diejenige des Liberalismus. Ich füge mich gern diesem Etikett in einer Zeit, wo der neue Meisterdenker der französischen Jugend, der Philosoph Michel Foucault, ankündigt, dass nicht nur Gott tot und auf ewig verschwunden ist, sondern der Mensch selbst, der Mensch und der Humanismus.

Auf diese Weise, lieber Herr Elefant, finden wir uns wieder, Sie und ich, im gleichen Boot, vorwärts ins Vergessen getrieben vom gleichen mächtigen Wind des absoluten Rationalismus. In einer wirklich materialistischen, realistischen Gesellschaft stehen Poeten, Schriftsteller, Künstler, Träu-mer, Elefanten nur noch im Wege. Ich erinnere mich an einen alten Singsang, den die Pirogen-schiffer auf dem Schari in Zentralafrika sangen.

‚Wir töten die großen Elefantenherden
Wir werden den großen Elefanten verzehren
Wir werden in seinen Bauch kriechen
Wir werden sein Herz und seine Leber essen …

Glauben Sie an meine sehr ergebene Freundschaft

Romain Gary – Le figaro Littéraire, Mars 1968.

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